Aufbau einer MZ BK 350 BJ1957

  • Ich würde hier im Forum mal ein eher seltenes Fahrzeug vorstellen, was ich letztes Jahr restauriert habe. Auch unter dem Gesichtspunkt, dass ihr mich vielleicht besser kennenlernt. Es handelt sich um eine MZ BK 350 im Baujahr 1957.


    Die technischen Details sind an vielen Stellen einzigartig und ihrer Zeit weit vorraus. Ich nenne da zum Beispiel mal die Upside- Down Telegabel oder das gemeinsam genutzet Kurbelgehäuse.

    Dazugekommen bin ich über e**y Kleinanzeigen. Dort sah ich dieses eher billige Motorrad (für BK Verhältnisse). Und da ich auf Dienstreise in Vietnam festsaß schickte ich meinen Vater hin. Das stellte sich leider als Fehler raus, denn das war im Grunde kein Motorrad, sondern ein Schrotthaufen. Egal- ich wollte es eh aufbauen und es so zu meinem Motorrad machen. Hier ist ein Bild von der Abholung:

    Man kann vielleicht schon erkennen, dass überall Beulen und Roststellen sind. Das waren alles gute Übungen fürs Ausbeulen. Leider konnte ich den hinteren Kotflügel nicht mehr retten. Der war komplett von den Halterungen vergammelt. Man sieht das auf dem Bild leider schlecht, aber da waren 3 Faustgroße löcher drin. Zu allem Überfluss ist der Kotflügel auch noch 2 lagig. Es musste also ein neuer her. Ich bestellte im Internet eine Nachfertigung für teures Geld. Es stellte sich aber raus, das diese Nachfertigung einen wesentlich größeren Biegeradius hatte als der originale und auch die Seiten weiter runter gezogen waren. Also wieder zurückgeschickt den Mist. Ich wurde dann nach einiger Zeit fündig und bekam einen DDR Kotflügel, der noch rettbar war. Leider habe ich von den Klempnerarbeiten keine Bilder gemacht. Das ganze Moped war mit dem Pinsel schwarz angestrichen. Das stellte sich nicht als der Originallack heraus. Unter dem Schwarz war ein wunderschönes Maron zu erspähen. Das fand ich ganz gut und passend, da einerseits mein ES 250 Gespann auch schon Schwarz ist und mein Opa 2 BK´s hatte, die beide auch Maron waren (Schachtelsatz zuende).


    Da der Motor auch nicht ansprang wurde alles Komplett zerlegt und obduziert :) Hätte ich diesen Betrug vorher gewusst, hätte ich dem Verkäufer was erzählt:cursing: Im Motor waren 2 unterschiedliche Kolben verbaut. Der eine mit einem zu kurzen Kolbenbolzen (natürlich nicht gesichert) und der andere mit einem Mopedbolzen nur damits zusammen war. Beide Zylinder waren in unterschiedlichen Maßen geschliffen, waren aber noch rettbar wie auch die Kurbelwelle.

    Als Krankheit der BK Kurbelwellen ist bekannt, dass diese am Kupplungslager einlaufen und das sich bei Fehlzündungen auch gerne mal die Hubscheiben verdrehen. Meine Kurbelwelle war nicht verdeht, dafür hinten eingelaufen. Das kann man aber zum Glück aufchromen und schleifen lassen. Von der Kurbelwelle kann ich morgen noch ein Bild machen. Diese Besteht aus 3 Scheiben ohne Mittenlager. Die untere Pleullagerung übernehmen lose Rollen mit einer Trennscheibe. Die obere Lagerung übernimmt ein Gleitlager. Daher muss immer 1:25 gefahren werden.

    Das Kurbelgehäuse wird gemeinsam genutzt, was nicht ganz unproblematisch bei der Einstellung ist. Zum Glück gibt es Nachbaukolben für die BK in guter Qualität von den Tschechen (Almet- bitte nicht mit Almot verwechseln).

    Hier sieht man den schon zusammengesteckten Motor noch auf der Werkbank liegen. Das ist übrigens ein Eisenschwein. Schätzen würde ich das Ding auf ca. 45kg, hab aber nicht nachgewogen.


    Zum Getriebe:

    Das BK Getriebe ist eines der robustesten Getriebe, das ich an einem Motorrad je gesehen habe. Es ist in vielen Details ähnlich einem späteren MZ 4 Gang Getriebe aufgebaut, unterscheidet sich aber in den meisten Details sehr davon. Es ist ein unsynchronisiertes 4 Gang Getriebe. Als negativ muss ich feststellen, dass die Getrieberäder verhältnismäßig groß sind, was die Schaltvorgänge schwerer gestaltet, als z.B. an der ES. Hier habe ich ein paar Bilder mehr:

    Wie ihr vielleicht sehen könnt, ist die Schaltwalze und der Schaltfinger nicht wie üblich gekennzeichnet gewesen. Das wurde anscheinend nicht immer so gemacht.


    Zum Kardan:

    Das ist eines der gefragtesten und teuersten Teile an diesem Motorrad. Meiner hatte natürlich auch mit Zahnausfall zu kämpfen. Zum Glück fand ich im MZ Forum den Admin "Kutt", der mal ein paar Sätze nachfertigen lassen hat. Ich bekam den letzten Solo Satz:thumbsup:

    Beim Kardan muss ein bestimmtes Betriebsspiel eingestellt werden und das Kegelrad muss an der richtigen Position sitzen. Das macht viel Arbeit, da zum messen der ganze Kardan zusammengebaut werden muss. Hier noch ein Bild davon:

    Der Abzieher ist nötig, weil das Tellerrad auf einem leichten Übermaßsitz sitzt. Übrigens ist hier noch anzumerken, dass die Radnaben, wie auch der Kardanantrieb und die Federfaust aus Elektron bestehen. Das ist eine Magnesium Legierung mit Anteilen von Alu und Zink. Diese Legierung ist nicht korrosionsbeständig und muss immer speziell lackiert werden. Die Farbe enthält laut dem Lackierer Phosphor. Früher wurden die Teile mit Schwefel abgedeckt, was die ursprünglich etwas Gelbe Farbe erklärt. Schwefel wurde verwendet, um das Risiko einer Explosion beim Gießen zu verringern und den korrosionsschutz herzustellen. Mein Kardangehäuse und beide Radnaben waren leicht angerissen. Auch das ist eine Krankheit dieser Maschine. Zum Glück gibt es dafür Spezialschweißer in der Nähe von Dresden.

    Die Chromteile wie z.B. Kappen oder die Telegabel Standrohre habe ich neu verchromen lassen.Nach dem Lackieren mussten die Teile noch weiß liniert werden.

    Hier sind die Bilder der fertigen Maschine:

    Zu dem Bild mit dem Tankstutzen gibt es noch eine belustigende Geschichte. Ich bin auf einer der ersten Probefahrten mit der Maschine. Da läuft doch nicht etwa aus dem Tankdeckel oben eine Nase auf meinen schönen Lack. Irgendjemand gab mir dann den Tipp, ich solle dort ein Markstück reinlegen. Das solle helfen. Gesagt getan, sogar ein 2 Mark Stück fand sich noch auf- und es half wirklich:P keine Rotznasen mehr dran.

    Der Tacho musste natürlich auch überholt werden. Darunter ein schönes Herbstbild vom letztem Jahr.


    Ich schreibe mal noch was zur Abstimmung:

    Der Motor hat ja 2 Zylinder, die ein Kurbelgehäuse nutzen. Auch aus der Erfahrung anderer BK Fahrer weiß ich, dass die Vergaser unterschiedlich bedüst werden müssen. Original ist die Vorschrift z.B. dass beide Zylinder mit einer 95er Hauptdüse bedüst werden (2 Vergaser). Ich bin jetzt beim linken Zylinder bei einer 100er und beim rechten Zylinder bei einer 110er Hauptdüse gelandet. Das schiebe ich darauf, dass ich die harten ungünstigen Kanten des Kurbelgehäuses verrundet habe und weil ich die Zylinder auch etwas günstiger Nachbearbeitet habe.


    So mir tun jetzt die Finger vom Schreiben weh. falls noch Fragen auftauchen bitte stellen

  • Hut ab vor Dir. Ich finde es immer toll, das es Leute wie Dich gibt, die solche Herausforderungen annehmen und auch das Wissen und alles drum und dran haben, sowie den festen Willen, damit sowas mit einem Happyend endet und seltene Fahrzeuge erhalten bleiben.